Die Natur um uns herum wirkte jetzt noch viel stärker auf uns ein wie vom Motorboot aus. Alles war irgendwie unberührt und noch sehr natürlich. Am Anleger fanden wir schnell ein Plätzchen für das Dingi und wir machten uns auf Tuamgraney zu besichtigen. Es war wieder alles typisch Irische vorhanden. Pub, Kirche, altes Kloster und Friedhof, und sehr interessant, die schon botanisch wirkenden Gärten mancher Häuser. Palmen sind hier keine Seltenheit und zeugen von einem recht konstanten Klima während des Jahres. Auf dem Rückweg finden wir wieder unsere geduldig sitzenden Angler vor. Den großen Fisch haben sie wohl heute auch noch nicht gesehen und so steigen wir wieder in unser Beiboot und paddeln stromaufwärts. Der Abend verläuft ruhig, nach dem Essen geht es wieder ins Pub und gegen 22.00 Uhr machen wir die Schotten dicht. Nur ein Boot hat sich noch eingefunden und so können wir trotz Wochenende die Stille und Einsamkeit der Nacht genießen.
Sonntag, 05.05.02, Scarriff/ Holy Island/ Ballina-Killaloe/ Portumna
Den Morgen beschreibe ich jetzt mal etwas anders. Nach dem Öffnen des Verdecks kitzelt mich die Morgensonne im Nacken. Erstaunt schaue ich in den wolkenlosen Himmel und suche verzweifelt die Regenwolken. Ist dieses regnerische Irland wohl doch nur eine Legende? Ich finde mich mit diesem flüchtigen Gedanken ab und stürze mich auf das Frühstück, welches meine Frau bereits liebevoll gerichtet hat. Sichtlich gestärkt lichten wir 9.00 Uhr die Anker, oder besser gesagt die Leinen, und fahren wieder Flussabwärts.
Als wir den See erreichen, strahlt und funkelt das Wasser, glatt wie ein Tablett, einladend wie Großmutters Kuchen. Heute ist anscheinend der Tag der Bewährung. Endlich können wir vor Holy Island ankern. Gegen 10.00 Uhr nähern wir uns vorsichtig der Insel, genau die Ruine im Visier, und suchen den Anleger. Als Notanlegestelle für das Dingi hatte ich mir schon eine Stelle der Wiese ausgesucht, wo die Kühe auf die Insel getrieben werden. Aber wir fanden die befestigte Anlegestelle wieder und steuerten darauf zu, immer das klare Wasser nach Felsen absuchend. Ein paar Meter davor warf meine Frau den Anker, der sich auch sofort festhakte. Sie war überhaupt perfekt in allen Belangen des An- und Ablegens. Es war jetzt schon unwahrscheinlich warm und leicht beschürzt ruderten wir zur Insel. Ein kleiner Pfad führte durch das Gebüsch direkt zum Rundturm und Friedhof. Es war wieder unbeschreiblich schön. Kein Mensch auf der ganzen Insel. Nur die Kühe mit ihren Kälbern hatten einen gewissen Gebietsanspruch, den sie wohl im Ernstfall auch verteidigt hätten. Da aber genügend Platz für alle da war, gab es keine Probleme. Im Gegenteil, sie drängten sich förmlich vor meine Kamera um endlich auch in Deutschland gesehen zu werden.
Zwei Stunden verbrachten wir auf der Insel. Zwei Stunden voller Romantik und Schönheit, umgeben von Wiese, Kühen, Ruinen und dem herrlichen See mit seinen Ufern. Meine Frau sammelte fleißig Narzissen, Gänseblümchen und Sauerampfer. Ersteres als Vasenschmuck, letzteres als kulinarische Besonderheit.
Mittag ruderten wir wieder zu unserem Boot und wurden von einem Schwan begrüßt. Er war sehr zutraulich und, glaube ich, sehr verfressen. Sein Hals wurde immer länger um uns unser Brot aus den Händen zu schnappen. Als er seinen Willen hatte, zog er friedlich ab.
Da es so warm war überlegten wir, ob ein Bad im See nicht angebracht wäre. Doch ein sich näherndes Boot brachte uns von diesem Vorhaben wieder ab. Ich war nicht sonderlich scharf drauf, meinen bleichen, etwas schwabbeligen Körper zu präsentieren.
So lichteten wir den Anker und fuhren Richtung Ballina- Killaloe.
Um so näher wir den Orten kamen, um so mehr spürten wir wieder die Zivilisation. Es wurden immer mehr Boote und, als wir ankamen, war es sehr bevölkert an beiden Seiten des Ufers. Wir fuhren bis zur Brücke zum öffentlichen Anleger, der war aber bereits recht voll und so ging es zurück zur hier ansässigen Derg Marina. Hier war es recht leicht anzulegen, und ohne viel Zeit zu verlieren verlassen wir das Boot um die beiden Orte zu erkunden.
In Ballina, Seite der Anleger, gibt es schon einen recht ausgeprägten Tourismus. Hier regieren zwei Pubs mit Gaststätte das Geschehen. Da wir doch etwas Touristenscheu sind, gehen wir über die Brücke nach Killaloe. Den Berg hinauf wird es wieder herrlich ruhig, alles ist wie ausgestorben. Wie kann es in praktisch direkt nebeneinander liegenden Orten solche Unterschiede geben? Der Ort wird von uns ausgiebig inspiziert, zwei sehr schöne Kirchen mit Friedhof kann man sich anschauen, Außerdem ist von der Anhöhe des Ortszentrums der Shannon sehr gut zu überblicken.Schon aus Prinzip steuern wir am Flussufer auf der Seite von Killaloe das nächste Pub an. Es ist wie erwartet fast leer, und das Guinness ist auch billiger wie auf der anderen Seite. Nachdem wir uns gestärkt haben, überqueren wir die von Fahrzeugen vollgestopfte Brücke und gehen wieder zu unserem schwimmenden Cabrio um weiter zu fahren. Die Marina ist heute die reinste Liegewiese. Alles liegt auf den Booten und bräunt sich in der Sonne.
15.00 Uhr wird abgelegt und der See angesteuert. Irgendwo auf der Mitte des Sees lassen wir uns etwas treiben und trinken gemütlich Kaffee und essen zu Mittag. Es ist zwar schon gegen 16.00 Uhr aber heute gibt es die etwas besonderen Spaghetti zu Ehren von Holy Island, und die schmecken auch zu dieser Tageszeit. Der Kick ist die besondere Beilage: Pastasoße mit Schinken, Sauerampfer und Gänseblümchen von der Insel. Einfach Klasse. Auf einmal kommt von Norden ein tief fliegendes Wasserflugzeug angebraust. Schnell hole ich meine Kamera und kann gerade noch ein Foto schießen. Später erfahre ich aus dem Forum, das es wohl eines der Flugzeuge von Brian Cullen von Derg Marina war.
Am Abend, es ist jetzt 19.30 Uhr, wollen wir in Terryglass ankern. Aber es ist schon so voll das wir wieder abdrehen und erst einmal Portumna Castle ansteuern. Sicherheitshalber schaue ich mir die Einfahrt schon von weitem mit dem Fernglas an und es sieht schlecht aus. Die letzten Boote stehen noch vor der Einfahrt, so das wir beschließen, uns den Weg dahin zu sparen und direkt an die Brücke von Portumna zu fahren. Vielleicht haben wir Glück das dort etwas frei ist. Und siehe da, anscheinend kam keiner auf die Idee vor der geschlossenen Brücke zu übernachten. Alles war frei und wir konnten bequem anlegen. Irgendwie haben wir doch ein glückliches Händchen mit der Wahl unserer Übernachtungsstellen. Es ist nicht so einfach bei vollem Bootsbetrieb noch ruhige Stellen zu finden. Nach dem Anlegen gehen wir, dieses Mal von der anderen Seite, nach Portumna "City". Die Pubs sind heute nicht ganz so voll wie bei unserem ersten Besuch und so wird es ein ruhiger Abend. In Portumna wird übrigens auch ein hervorragendes Softeis verkauft.
Montag, 06.05.02, Portumna/ Athlone
Der nächste Morgen lächelt uns wieder an als wenn er sagen wollte: "Herzlich Willkommen in Irland!" Die Einladung nehmen wir gerne an und überlegen was wir jetzt wohl bis 11.00 Uhr machen werden. Da heute Feiertag ist müsste die Brücke erst um diese Zeit öffnen. Aber es sammeln sich einige Boote im Fluss und ich habe die Hoffnung das wir vielleicht doch eher wegkommen. Tatsächlich kommt 9.30 Uhr der Brückenwart zum Kassieren ans Boot. Eine viertel Stunde später öffnet sich die Brücke und wir können weiter in Richtung Athlone, unserem heutigen Ziel, fahren.
Gegen 14.30 Uhr erreichen wir Clonmacnois und legen an zum Mittag essen. Dieses Mal gestaltete es sich recht schwierig, da wir mit dem Strom, bei recht auffrischendem Wind anlegen mussten. Der Anleger war dieses Mal auch fast voll, so das ich ziemlich genau zwischen die Boote manöv
rieren durfte. Aber es klappt alles recht gut mit Hilfe einer freundlichen Irin.
Nach einer Stunde ging es weiter, direkt nach Athlone. Die Schleusen von Meelick und Athlone waren dieses Mal mit Booten vollgestopft. In Meelick versäumte es meine Frau nicht mit einem Österreicher von Shannon Castle Line zu fleurten. Die musikalische Unterhaltung lieferte ein anderes Crewmitglied mit einem Saxophon. Unser Fotoalbum wird sich sicher über diese Bereicherung freuen.
In Athlone konnten wir noch ein besonderes Schauspiel erleben. Ein Hund verfolgte im Fluss mit gebührenden Abstand einen Schwan. Wahrscheinlich war es die Liebe seines Lebens, den er lies sich auch von Mitbewerbern dieser stolzen Vögel nicht abhalten. Allerdings war es wohl nur eine Frage der Zeit bis der Hund unter Wasser weiter schwimmen musste. Nach einer viertel Stunde hatte der Schwan Mitleid und begleitete den Hund ans Ufer. So schön kann Liebe sein.
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